"Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden."
Che
Guevara

Hope

” Eine Frau macht niemals einen Mann zum Narren.
Sie sitzt bloß daneben und sieht zu, wie er sich selbst dazu machte.”

Frank Sinatra.



»Bella fall jetzt nicht auf die Fresse!«, ermahnte ich mich streng.
Und wie vorhergesehen, ich rutschte aus und fiel.
Der Boden kam immer näher, ich streckte die Hände aus um mich aufzufangen und rechnete damit jeden Moment auf den Boden aufzuschlagen.
Der Boden kam aber nicht, stattdessen spürte ich zwei starke Hände an der Taille, die mich festhielten. Ein Kribbeln schoss durch meinen Körper und ich erschrak.
»Pfoten weg«, zischte ich bedrohlich, als die Hände weggenommen wurden, drehte ich mich um und sah in zwei tiefgrüne Augen.
»Na na Puppe vorsichtiger laufen, wir wollen doch nicht, dass diesem hübschen Gesicht etwas passiert«, sagte der Mann neckend.
Das fand ich gar nicht lustig, meine Hand schoss vor und traf ihn im Solarplexus, das hatte ich mit den Jahren perfektioniert.
Sein Atem stockte und ich sah, dass ihm schwindelig wurde, ich half ihm sich hinzusetzen. Das arme Schwein war fast bewusstlos, ich hatte mit Absicht nicht allzu stark zugelangt, denn ich wollte ihn nicht vollkommen bewusstlos schlagen.

Jetzt lehnte der Typ an einer Wand und schnappte nach Luft. Ich grinste diabolisch und sah ihn mir genauer an, er sah bei näherer Betrachtung ganz gut aus, leider war er ein Arschloch.
Ich beugte mich zu ihm herunter und zwang ihn dazu mir ins Gesicht zu schauen.
»Das nächste Mal sind wir höflicher. Verstanden?«, zischte ich bedrohlich, der Typ sah mich schockiert an, nickte dann und starrte nur noch.
Mein kleines Kichern entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Lachen und ich schlenderte vergnügt die Treppen hinunter. Solche Situationen machten mir Spaß, amüsierten mich regelrecht.
Der kleine Scheißer musste wohl denken, dass ich verrückt war. Der Gedanke an sein Gesicht ließ mich wieder hysterisch lachen.
Meine Laune war blendend, ideale Voraussetzung zum Einkaufen.

Und tatsächlich ich schaffte es ohne weitere Zwischenfälle nach draußen und zu meinem Auto. Meine erste Handlung bestand darin, zu überprüfen, ob noch alles an meinem Auto dran war.
Reifen, Spiegel, Logo, Lack alles in Ordnung.
Ich atmete erleichtert auf, stieg ein und wollte gerade losfahren, als ich einen Pfiff hörte. Mein Kopf schoss herum und da stand tatsächlich der Kerl von gerade.
Der hatte sich schnell erholt, eigentlich zu schnell für meinen Geschmack. Mein Schlag hätte noch härter sein dürfen, der Kerl sah mich bewundernd an, ich streckte ihm meinen schönsten Finger entgegen und trat aufs Gaspedal.
Das Letzte, was ich hörte, war sein melodisches Lachen, was für ein Arschloch!

Die Häuser zogen an mir vorbei und der Wind pfiff durch mein Auto, ich bevorzugte es, mit offenen Fenstern zu fahren. Dazu musste ich nur sagen, Wind, Haare und Spaß.
Das erklärte doch wohl alles oder?
Die Adresse die Angela mir gegeben hatte, befand sich auf der wohl größten Straße in ganz Port Angeles. Hier säumten Geschäfte die Seiten und ich stellte mir ernsthaft die Frage, wie ich den Laden finden sollte, trotz Navigation.
Ja, ich gab es zu, ich gehörte zu den Menschen, die sich trotz ihres Navigationsgerätes verfuhren. Schöne Scheiße!
»In 500 Metern haben sie ihr Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der rechten Seite«, sagte Uschi mit ihrer mechanischen Stimme. Jawohl, mein Navi hieß Uschi und hatte Persönlichkeit.
»Danke Uschi«, sagte ich und hielt nach dem Laden ausschau.

Angela hatte tatsächlich recht behalten, ich fand The Fairy auf Anhieb und zu meinem beschissenen Glück gab es direkt vor dem Geschäft freie Parkplätze.
Himmel konnte der Tag eigentlich noch besser werden? Normalerweise nicht. Dachte ich zumindest.
Mein Baby parkte ich und schob noch schnell meine Parkuhr in die Windschutzscheibe, einen Strafzettel wollte ich keinesfalls bekommen.
Mit meiner Tasche in der rechten Hand stolzierte ich auf den Laden zu, die Werbung über dem Eingang war überwältigend.
Es war eine riesengroße Acryltafel in die der Name The Fairy eingefräst wurde, die Schrift wurde mit grünen LED-Lichtern beleuchtet.
Mir blieb der Mund vor Bewunderung offen stehen, das sah mehr als gut aus! Die Chefin hatte Geschmack, was das anging, aber war die Kleidung auch so gut?
Ich trat durch eine Doppeltür und befand mich wahrhaftig im Paradies. Die Wände waren in einem zarten Grün und Beige gestrichen, die Deko war in denselben Farben gehalten und das Ambiente war zauberhaft.
Auf Anhieb fühlte ich mich wohl und war so von der Einrichtung abgelenkt, dass ich im ersten Moment die ganzen Kleidungsstücke nicht sah. Erst bei meinem zweiten Umschauen entdeckte ich die vollen Ständer und Regale, die Farbauswahl war spektakulär und vielfältig.
Wenn ich hier nichts finden würde, wäre ich echt eine verwöhnte Schlampe.
»Herzlichen Willkommen im The Fairy kann ich ihnen behilflich sein?«, fragte eine hohe Sopranstimme hinter mir, ich sah über die Schulter und stand tatsächlich einer Elfe gegenüber.
Irritiert drehte ich mich um und starrte sie an, trug sie wirklich Feenflügel oder bildete ich mir das nur ein?
»Madame haben Sie irgendetwas? Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ja«, prustete ich schnell aus, ich wollte nicht, dass sie dachte, ich wäre geistig zurückgeblieben. Ich sah mir die Kleine nochmal genauer an, sie trug ein weißes Kleid und grüne Flügel, ihr Gesicht hatte zarte Züge, ihre Augen waren grün und das irritierte mich einen Moment, irgendwo hatte ich diese Augen schon einmal gesehen. Ihre schwarzen Haare waren kurz geschnitten und standen leicht von ihrem Kopf ab.
Sie wirkte niedlich durch ihren elfenhaften Körperbau und ihrer Größe, ich schätzte sie auf 1,50 m, allerdings gaben ihre blasse Haut und ihre leicht violetten Schatten unter den Augen, ihr ein etwas kränkliches Bild.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte die Frau vor mir und ich nickte.
»Ich bräuchte von allem etwas«, antwortete ich ihr, daraufhin sah ich ein Funkeln in ihren Augen.
'Bella lass es auf dich zukommen! Hau jetzt nicht ab' ermahnte ich mich selbst.
»Super, dann kommen Sie doch einmal mit, wir werden schon ein paar Sachen finden«, rief die Verkäuferin vergnügt.
Sie tänzelte vor mir herum, während ich ihr folgte. Scheiße war die grazil, dagegen sah ich aus wie ein Elefant.
Und das lag nicht alleine an meiner Tollpatschigkeit!
»Übrigens Sie können mich Alice nennen, das hier ist mein Geschäft. Also bin ich Chefin und gleichzeitig die Designerin«, sprach die Kleine mich an und lächelte freundlich. Sie war mir irgendwie sympathisch, vielleicht war es doch nicht die schlechteste Entscheidung nach Forks zu kommen.
»Ich bin Bella«, antwortete ich ebenso freundlich. Alice strahlte regelrecht und lief zu einigen Regalen und kramte die unterschiedlichsten Kleidungsstücke heraus.
Mit Bergen von Kleidung auf den Armen kam sie zu mir und dirigierte mich in Richtung Umkleide, das war nicht ihr Ernst!
Verflucht wie lange sollte ich mich denn in der Umkleide aufhalten, ich liebte es einkaufen zu gehen, aber in diesem Moment fühlte ich mich mehr wie eine Barbie.
Alice ganz persönliche Barbie!
»Hier bitte, die Sachen passend ganz bestimmt zu dir, ich darf doch du sagen?«, fragte Alice lächelnd.
»Klar kein Problem«, gab ich lächelnd zurück, fügte mich meinem Schicksal trat durch den Vorhang in die Kabine.

Sprachlos.
Ich war für den Moment sprachlos, denn hier war das Wort Platzmangel wirklich ein Fremdwort. Von außen sahen die Kabinen klein aus und von innen entpuppten sie sich als regelrechtes Platzwunder.
Alice hatte die Kleidung an den Wänden der Kabine fein säuberlich aufgehangen und ich fühlte mich wie im Paradies.
Das hier war der wahrgewordene Traum jeder Frau, leugnen war zwecklos!
Zuerst machte ich mich über die Kleider her und zog sie nacheinander an. Jedes Mal musste ich aus der Kabine rauskommen, damit Alice mich betrachten konnte.

Der Spaß war ihr ins Gesicht geschrieben und mir auch. Der Tag wurde immer besser und besser.
»Bella?«, trällerte Alice, was mich sofort den Kopf aus der Kabine stecken ließ. Ich hatte das aktuelle Kleidungsstück schon ausgezogen und stand lediglich in Unterwäsche in der Kabine.
»Komm doch mal raus«, schmunzelte Alice und winkte mich zu sich. Ich wog ab, es war sowieso niemand im Geschäft und besonders prüde war ich auch nicht.
Letztendlich entschloss ich mich den Vorhang der Kabine zur Seite, zu schieben und einen Schritt auf Alice zuzugehen. Diese pfiff anerkennend und musterte mich. Meine Augenbrauen zogen sich automatisch zusammen und in meinem Kopf ratterte es.
Alice musterte mich, und zwar sehr offensichtlich. War sie vielleicht?
»Bella ich bin hetero, aber nett, dass du solche Gedankengänge hast«, lachte Alice und nun schaute ich verdutzt.
»Nicht? Wieso guckst du dann so?«, fragte ich sie mit unverhohlener Neugier. Alice lachte wieder und klatschte in die Hände. Okay?
»Ich hab das was Tolles für dich. Warte einen Moment«, rief Alice, während sie aufstand und irgendwohin tänzelte. Keine zwei Minuten später, ich stand immer noch nur in meiner knappen Unterwäsche im Laden, kam sie mit einem Kleidersack zurück und strahlte übers ganze Gesicht.
»Schau mal Bella, das ist aus meiner neuen Kollektion. Es ist schon ein zusammengestelltes Outfit aber es würde hinreißend an dir aussehen«, strahlte sie und zog den Reißverschluss herunter.
Aus dem Kleidersack zog sie eine enge Lederhose, ein weißes lockeres Shirt mit Muster vorne und ein schwarzer Blazer. Alice hielt mir die Kleidung hin und ich wollte gerade danach greifen, als es von irgendwoher klopfte es.
Alice drehte sich zum Schaufenster um, ich tat es ihr gleich und dort stand der Kerl aus dem Treppenhaus. Ich hob meine rechte Hand und zeigte ihm den Mittelfinger, Alice tat es mir gleich und der Kerl fasste sich ans Herz und tat als würde er ohnmächtig werden. Danach zierte sein Gesicht wieder ein breites Grinsen und er ging weg. In dem Moment fiel mir auf, dass ich nur Unterwäsche anhatte und dass ausgerechnet dieser Kerl mich so gesehen hatte.
Alice starrte mich an, ich sah sie an und wir fingen an zu lachen.

»Warum zeigst du meinem Bruder den Mittelfinger?«, prustete Alice los und ich starrte sie schockiert an. Ihr Bruder?
»Der Kerl war dein Bruder? Du Arme!«, sagte ich aufrichtig und sah sie mitleidig an, was sie noch lauter lachen ließ.
»Klar mein Bruder. Die Frage die sich mir allerdings aufdrängt ist, woher kennst du ihn und wieso du ihm so einen tödlichen Blick zugeworfen hast?«, fragte Alice neugierig.
»Sagen wir es mal so, wir hatten bei ... «, ja wie sollte ich Angela und Ben nun nennen?. »Freunden von mir eine unerfreuliche Begegnung im Hausflur. Du weist doch sicherlich, dass dein Bruder ein Arschloch ist?«
Alice kicherte und stimmte mir nickend zu. Dann scheuchte sie mich in die Kabine, in der ich das neuste Outfit anprobierte.
Ich musste zugeben es sah wirklich atemberaubend aus, es passte perfekt, wie alle Sachen die Alice mir rausgesucht hatte und ich mochte es.
»Bella komm raus ich muss mir meine neueste Kreation an dir begutachten.« Ich trat aus der Kabine und Alice sah mich bewundernd an,
»Klasse es sieht toll aus, das schenke ich dir und du wirst es heute Abend tragen«, rief Alice begeistert und ich sah sie verwundert an. Warum in aller Welt sollte ich ihre Kollektion heute Abend tragen? Hatte ich irgendetwas nicht mitbekommen?

»Was war denn heute Abend?«, fragte ich vorsichtig.
»Wir gehen aus und ich werde dir meinen Verlobten vorstellen und keine Widerrede. Ich will heute Abend etwas mit dir unternehmen«, sagte Alice im ernsten Ton und jetzt fiel mir auf, wie herrisch sie eigentlich war. Ich wollte eigentlich nicht ausgehen, das ging mir alles zu schnell.
»Ähm Alice ich glaube das ... «, begann ich wurde jedoch unterbrochen.
»Keine Widerrede wir gehen heute Abend aus. Ende. Und nun wirst du dir alles nehmen, was du haben willst und kommst zur Kasse! Den Rest kannst du in der Kabine lassen ich mach das schon alles wieder ordentlich«, sagte Alice und ich hielt den Mund.
Ich hatte eine gute Intuition in solchen Sachen und jetzt sagte mir meine Intuition, dass ich die Klappe halten und es über mich ergehen lassen sollte.
Ich schlurfte in die Kabine und sammelte alle Kleidungsstücke zusammen die ich kaufen wollte. Und am Ende wurden es wirklich Unmengen von Klamotten, die ich kaufen wollte, so etwas war mir bisher noch nie passiert.
Eindeutig ein Kompliment an die Designerin!
'Danke Alice du bist ein Engel'

Mit den Sachen auf den Armen steuerte ich die Kassen an und dort wartete Alice mit einem breiten Grinsen auf mich. Als sie sah, wie viel ich mit mir trug strahlte sie übers ganze Gesicht. Mühsam legte ich die Kleidung auf die Kasse und Alice begann sie einzuscannen und zu falten.
Himmel ich bekam die Sachen von der Chefin persönlich verpackt. Welch ein Privileg!
»Also Bella, das mit heute Abend steht. Wir treffen uns um neun Uhr am Mill Creek und Widerspruch ist zwecklos«, warnte mich Alice, ich seufzte ergeben, verließ nach dem Bezahlen mit Tüten bepackt das Geschäft und lief zu meinem Baby.
Mir war bewusst, dass ich eigentlich keine Freundschaften aufbauen sollte, jedoch war es bei Alice auf eine Art anders. Sie untergrub meine Abwehr regelrecht und sie hatte ein recht einnehmendes Wesen, da fiel es einem leicht sie, zu mögen.
Vielleicht war ein wenig Spaß auch eine Wohltat für mich und der Abend würde schön werden. Mit dem kommenden Intermezzo hatte ich allerdings nicht gerechnet.

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