"Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden."
Che
Guevara

Trust

” Zuviel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zuviel Mißtrauen ist immer ein Unglück.”
Johann Nepomuk Nestroy.





In der Wohnung war es leise und ich nahm den Geruch von ... Eintopf wahr? Dann hörte ich einen lauten Knall, einen Fluch und das Rauschen von Wasser.

Was sollte das geben, wenn es fertig ist?

»Isabella? Komm her«, rief eine weiche, weibliche Stimme, die mich in Alarm versetzte. Wo war der Mann von eben geblieben?
Langsam ging ich in die Richtung, aus der die Stimme kam. Es musste sich um die Küche handeln, denn der Essensgeruch verstärkte sich zunehmend.
»Hallo?«, rief ich noch mal vorsichtig, immer noch darauf bedacht leise zu sein.
»Isabella, komm her«, hörte ich die weibliche Stimme ganz aus der Nähe. Ich entschloss mich einfach zu ihr zu gehen, was sollte schon großartig passieren, außer, dass man mich abknallen könnte?
Die Küche lag am Ende des langen Flurs auf der rechten Seite, langsam ging ich um die Ecke und stand in der Tür zur Küche.
Das Bild, das sich mir bot, brachte mich zum Lachen. Am Herd stand eine braunhaarige Frau, mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen und rührte in einem Topf. Es roch wirklich lecker hier, das musste ich schon zugeben.

»Hallo«, sagte ich vorsichtig, denn ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was das alles hier werden sollte, wenn es mal fertig war ...
»Komm doch rein, möchtest du etwas essen? In ein paar Minuten sollte der Bauerneintopf fertig sein. Ben kommt sofort wieder, er ist kurz auf den Dachboden gegangen.«
Ich sah diese Frau verwundert an, sie hatte mich zum Essen eingeladen. Irgendetwas lief hier gewaltig schief, wollten sie mich vergiften?
Sie musste wohl meinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet haben.
»Isabella, es ist nur ein normales Essen«, lachte sie heiter, was mich noch mehr verwirrte. Die Frau legte den Kochlöffel zur Seite und kam auf mich zu.
»Ich bin Angela, aber es reicht wenn du mich Angi nennst, Isabella«, sagte sie und reichte mir ihre kleine Hand. Einen Moment starrte ich die Hand vor mir an, dann ergriff ich sie und lächelte zurück, ihre Augen waren fast genauso braun wie meine.
»In Ordnung, aber nenne mich nicht, Isabella, Bella reicht!«, antwortete ich ihr freundlich, meine Anspannung fiel ein gutes Stück in sich zusammen. Angela deutete auf den Esstisch, ich nahm an, dass ich mich setzen sollte. Was ich letztendlich auch tat, jedoch saß mir mein Misstrauen immer noch im Nacken.

Vertrauen war für mich die subjektive Überzeugung von der Richtigkeit und Wahrheit. Früher hatte ich anderen Menschen vertrauen können, doch das war schon lange her.
Jetzt war ich schlauer und vertraute niemandem mehr blind, nicht nachdem ich so hintergangen worden war.
Selbst wenn ich heute noch an den Verrat dachte, schnürte es mir die Kehle zu. Das Gefühl des Verlustes hatte mein Handeln lange Zeit beherrscht. Ohne meine Selbstbeherrschung hätte ich damals alles kurz und klein geschlagen.
Allein meine Selbstbeherrschung hatte dafür gesorgt, dass ich so vorsichtig und präzise vorgehen konnte. Niemand hatte mir das zugetraut, mit einer Ausnahme.

Aro

Er war sich meiner Fähigkeiten bewusst gewesen, schließlich hatte er mich zu dem Menschen gemacht, der ich damals war. Er war einer der Personen, der ich immer vertraut hatte. Niemals hätte ich ihm solch einen Verrat zugetraut. Wenn solche Geschehnisse einen nicht zu einer gestörten Person machten, wusste ich auch nicht mehr weiter.

Die Haustür schlug zu, das riss mich aus meinen Gedanken und ich wurde wieder aufmerksamer.
»Angi Schatz, wann ich das Essen fertig?«, hörte ich aus dem Flur eine männliche Stimme rufen, das musste dann wohl Ben sein.
»Ben, wir sind in der Küche!«, rief Angela zurück. Ich sah zur Küchentür und wartete.
Die Schritte von Ben näherten sich dem Raum und ich rechnete mit dem Schlimmsten, aber das, was da stand, hatte ich nicht erwartet.
In der Tür stand ein Mann mit einem süßen Bubi-Gesicht und, wenn ich es richtig einschätzen konnte, war er nicht annähernd so groß wie ich. Ben lächelte mir freundlich zu und ging auf Angela zu. Sie umarmte und küssten sich kurz.
Ich verzog das Gesicht. Liebe. Eine naive Art mit einem anderen Menschen zusammen zu sein.
Für mich war Liebe lediglich eine körperliche Reaktion. Ein chemischer Vorgang, der im Körper ablief, es hatte nichts mit richtigen Gefühlen gleich.
Wirkliche Gefühle waren stärker, wie Hass, Wut und Trauer. Nein ich war kein Pessimist, sondern einfach nur realistisch.

»Herzlichen Willkommen in unserer bescheidenen Wohnung. Ich bin, Ben«, sprach er mich freundlich an und hielt mir seine Hand entgegen. Diese ergriff ich und lächelte freundlich zurück.
»Isabella«, gab ich zurück.
»Schatz würdest du dich auch hinsetzen, dann können wir gleich essen und alles Weitere danach besprechen«, sagte Angela im strengen Ton, Ben beeilte sich beim Hinsetzen.
Ich konnte mir gut denken, wer hier die Hosen in der Beziehung anhatte. Angela stellte mir und Ben jeweils einen Teller mit Eintopf vor die Nase und nahm sich selber auch einen.
Wir aßen schweigend, ich genoss die Stille und das gute Essen. Seit Ewigkeiten hatte ich nichts Vergleichbares gegessen.
»Wow Angela, das schmeckt wunderbar«, sagte ich und sah, wie Angela errötete.
»Danke Bella das freut mich. Ich habe mir gedacht, dass du bestimmt nicht oft selber kochst.«
»Ich und selber kochen? Allerhöchstens, wenn ich jemanden vergiften wollen würde. Meine Kochkünste sind schrecklich, meine Talente liegen woanders«, schmunzelte ich, es war die Wahrheit.
»Das glaube ich dir aufs Wort«, murmelte Ben vor sich hin und bekam darauf von Angela einen bösen Blick zugeworfen.
»Ben, reiße dich bitte zusammen, was soll das?«, fragte Angela sauer, ich sah sie überrascht an. Ich hätte nicht erwartet, dass sie so aus der Haut fahren konnte, dafür sah sie einfach zu lieb aus. Obwohl wenn ich es mir recht überlegte. Niemand hätte mich für die Person gehalten, die ich war.
Meine Gesichtszüge waren sehr weich und feminin, mein Körper war zart gebaut, doch das täuschte.
Ben entschuldigte sich bei mir und Angela nickte zufrieden. Okay das war abgedreht, eigentlich entsprach sein dahingesagter Satz der Wahrheit. Denn ich konnte mir denken, dass die beiden sowieso bescheid wussten, besonders da Gorden die Zwei kannte und sie mir empfohlen hatte.

Ben hatte anscheinend aufgegessen, denn er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und tätschelte sich den Bauch.
»Mensch Baby, das war köstlich, irgendwann werde ich platzen von dem ganzen guten Essen«, lobte er Angela.
»Das stimmt, es war sehr lecker«, bestätigte ich seine Aussage und Angela sah mich begeistert an. Ich musste ehrlich zugeben, dass ich sie mochte, sie strahlte eine unglaubliche Freundlichkeit und Wärme aus. Zu schade, dass ich normalerweise keine Freundschaften einging. Einfach zu riskant, seit unglaublich langer Zeit hatte ich keine beste Freundin mehr gehabt.
Sechs Jahre hatte ich meine besten Freundinnen nicht mehr gesehen, geschweige denn etwas von den beiden gehört. Ich konnte wetten, dass sie versucht hatten, mich zu finden, aber ich wollte nicht gefunden werden.
Was mich allerdings interessierte war, wie es den beiden ergangen war. Vic war nicht nur meine beste Freundin gewesen, sondern auch meine Cousine. Ich konnte mir nur allzu gut denken, was sie momentan tat, ihr blieb keine andere Möglichkeit, als bei Aro zu arbeiten.
Schon früher war Vic nicht die Stärkste gewesen, sie hatte sich oft hinter mir versteckt, deswegen glaubte ich kaum, dass Aro sie in den Außendienst schicken würde.
Damals gab es jedoch nicht nur Vic in meinem Leben.

Nein.

Die Gedanken an meine Rosie taten weh, ich liebte sie wie meine Schwester. Wir waren unzertrennlich gewesen, wie Pech und Schwefel. Mit sechzehn hatten wir uns ein Tattoo stechen lassen bei Tom.
Wir hatten uns auf das innere Handgelenk Stay Together tätowieren lassen, mit einem Unterschied, bei mir war unter dem Spruch noch ein R und bei Rosie sah man ein B.
Die Erinnerung daran riss alte Wunden auf und tat mir unglaublich weh. Ich hatte keine Ahnung, was aus ihr geworden war, ob sie überhaupt noch lebte?
Sie musste leben, etwas anderes akzeptierte ich gar nicht, denn der Gedanken daran, dass sie ein schönes Leben hatte, half mir in den letzten Jahren, den ganzen Scheiß ein wenig zu akzeptieren.
An der Tatsache, dass ich sie schrecklich vermisste, war nicht zu rütteln. Am liebsten hätte ich mich auf die Suche nach ihr gemacht, aber damit würde ich sie in Gefahr bringen und das war etwas, dass ich niemals wollen würde!

»Also Bella sollen wir das Geschäftliche hinter uns bringen?«, fragte mich Angela und riss mich damit völlig aus meinen Gedanken. Was die beiden wohl von mir dachten?
»Natürlich«, gab ich trocken zurück, denn fast hätte ich vergessen, wieso ich hier überhaupt war.
Zusammen gingen wir ins Wohnzimmer, sie deutete mir, dass ich mich setzen sollte, während sie aus einem Schrank einen Umschlag nahm.
»Gorden hat uns ein paar Anhaltspunkte genannt und ich hoffe dir wird das Resultat gefallen. Der Nachname war meine Idee, der ist mir in den Kopf gekommen, als ich dein Foto gesehen habe«, fing Angela an und überreichte mir meinen neuen Personalausweis.
Ich musterte den Ausweis erst einmal, um mir ein Bild von der Qualität zu machen und tatsächlich war sie einwandfrei. Die Verarbeitung war makellos, dann fiel mein Blick auf meinen neuen Namen.

Isabella Swan.

»Schöner Schwan?«, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue. Angela kicherte nur und ich hörte Ben hinter mir lachen.
»Meine Angi kommt schon auf Ideen, aber ich gebe zu, er passt du dir. Wie die Faust aufs Auge.«
Ich konnte mein Schmunzeln nicht zurückhalten.
»Danke Angi, der Name ist toll. Und die Qualität ist spitze, Gorden hatte einen guten Riecher bei euch«, sagte ich an sie gewandt.
»Das freut mich Bella, nun kann ich es dir auch sagen. Gorden ist mein Vater«, erklärte
Angela und ich dachte ich kippe vom Sofa!
»Dein Vater?«, fragte ich ungläubig, ich rechnete nach, konnte das sein?
»Meine Eltern haben mich sehr jung bekommen und Papa sieht auch nicht aus wie 45«, lachte Angela, ich musste einfach mitlachen.
»Ein kleines Familienunternehmen«, murmelte ich und sie nickte bestätigend. »Danke für den Ausweis.«
»Warte wir haben noch ein paar Dokumente für dich, wie dein Führerschein, den du wahrscheinlich brauchen wirst«, sagte Angela, Ben begann aufgeregt auf und ab zu hüpfen.
Ich warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. Was hatte der denn jetzt?
»Mensch Ben frag sie schon und hüpf nicht wie ein Flummi auf und ab«, rief Angela sichtlich genervt.
»Gehört dir das Auto unten?«, fragte er aufgeregt.
»Welches Auto?«, fragte ich zurück, was meinte er?
»Der Porsche vor unserer Tür. Gehört der dir?«
Erst sah ich ihn perplex an, dann dämmerte mir, was er gerade gesagt hatte. Meine Auffassungsgabe ließ mich in solchen Situationen immer in Stich! Arschloch!
Ein breites Grinsen schlich sich auf mein Gesicht und ich nickte zur Antwort. Bens Augen wurden groß wie Teller, das brachte mich und Angela zum Lachen.
»Oh wow, ich meine geil. Dieses Auto ist der Stoff meiner feuchten Träume«, stotterte er und realisierte erst ein wenig später, was er überhaupt gesagt hatte. Sein Gesicht wurde um ein paar Nuancen dunkler.
»Schon gut Ben, ich verstehe, was du meinst. Der Porsche unten ist mein Baby«, kicherte ich.
»Scheiße musst du gut verdienen«, rief er und ich versteifte mich. Das war eine Aussage, die ich ungern beantwortete.
»Ben es reicht«, sagte Angela mit sanfter Stimme um ihn wieder zu beruhigen. »Du weißt so etwas geht uns nichts an. Tut mir Leid Bella, aber Ben ist manchmal sehr impulsiv und denkt nicht nach, bevor er etwas sagt.«
»Nicht schlimm«, beruhigte ich sie lächelnd. Ben beruhigte sich tatsächlich und verabschiedete sich von mir, denn er wollte noch einmal auf den Dachboden, ich fragte erst gar nicht, was er dort oben machte.
Wir alle hatten unsere Geheimnisse.

Angela und ich waren nun alleine und sie gab mir meine restlichen Papiere. Nun hatte ich wieder eine neue Identität. Ich bedankte mich herzlich bei ihr für die tolle Arbeit, danach begleitete sie mich zur Haustür.
Kurz bevor wir die Tür erreicht hatten, fiel mir noch etwas ein.
»Angi, kannst du mir einen Laden empfehlen, in dem ich einkaufen könnte? Ich brauche ein paar neue Sachen, es sollte nichts Billiges sein, aber auch kein Chanel oder so. Mein Koffer ist nicht gut gefüllt momentan«, sagte ich und hoffte sie konnte mir weiterhelfen.
»Klar. Nur ein paar Kilometer weiter gibt es einen tollen Laden. Er hat erst vor einem Jahr eröffnet, die Besitzerin ist Designerin und verkauft dort ihre Sachen. Ihre Klamotten sind einmalig, dort wirst du ganz sicher etwas finden.
Die Adresse des Geschäfts ist 722 East 1st Street, das kannst du nicht verfehlen, denn der Laden ist riesig und die Werbung kann man auch nicht übersehen«
Das klang vielversprechend, die Adresse notierte ich mir.
»Wie heißt der Laden?«
»The Fairy.«
»Danke Angi, ich hoffe wir sehen uns wieder, grüß Gorden bitte von mir und sag ihm, dass wir wegen dem blanken Messer noch miteinander sprechen werden.«
»Okay richte ich ihm aus, du kannst jederzeit vorbei kommen, Bella. Ich würde mich freuen. Tschüss.«
Ich winkte ihr noch einmal zu und stieg die Stufen zum Erdgeschoss hinab.

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